St. Sophia

Von der Burgkapelle zur Pfarrgemeinde

Stockum war nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein halbes Jahrhundert lang eine eigenständige Pfarrgemeinde; die Pfarrkirche St. Sophia stammt aus den 1920er-Jahren. Die Geschichte kirchlichen Lebens in Stockum reicht jedoch weit ins Mittelalter zurück.

Stockum tritt 858 aus dem Dunkel der Geschichte. Am 13. Juni jenes Jahres schenkte der Karolingerkönig Ludwig der Deutsche (um 806–876) dem Frauenstift Herford näher bezeichnete Besitzungen in Selm („Seliheim“) und Stockum („Stocheim“). Die Güter – 30 Mansen, nach heutigen Berechnungen jeweils zwischen elf und 16 Hektar groß – samt den dazugehörigen hörigen Bauernfamilien sollten nach dem ausdrücklichen Willen des Königs den Nonnen zur Versorgung dienen. Bis zur Aufhebung des Damenstifts im Jahre 1802 blieb Stockum in dessen Besitz.

 

Die Herren von Hövel

Gerichtsbarkeit und Verwaltung des Oberhofs „Haus Stockum“ übertrugen die Äbtissinnen von Herford zunächst den Herren von Stockum. Zum Haus Stockum gehörten zwei Burganlagen, die Burg Stockum am nördlichen Lippeufer (im Bereich des heutigen Stockumer Sportplatzes) und die Burg Hugenpoth am südlichen Lippeufer (heute im Hammer Ortsteil Sandbochum). Um 1300 ging das Lehen an die Herren von Hövel über, die von nun an als Schulten der Herforder Äbtissinnen dienten.

Berichten des Herberner Kaplans und Heimatforschers Julius Schwieters zufolge ließ die Familie von Hövel auf den beiden genannten Burgen jeweils eine Kapelle errichten, auf Hugenpoth um 1307 und auf der Burg Stockum um 1357. In letzterem Fall ist die Rede von einem Friedhof oder Kirchhof (cimiterium) in Stockum im Pfarrbezirk Werne. Denn kirchlich gehörte Stockum wie auch die Bauerschaften Horst und Wessel vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein zur Pfarrgemeinde Werne.

Tauf- und Begräbniskapelle

Die „Kapelle zu Stockum im Kirchspiel Werne“ war, wie es in einer Urkunde von 1380 heißt, von der Familie Hövel mit einer jährlichen Rente von zwei Mark dotiert worden, und zwar zugunsten des Propstes und des Klosters Cappenberg. Der Probst überließ den „Leuten von Stockum, die bei der Kapelle wohnen“, das Gotteshaus als Tauf- und Begräbniskapelle. Im Gegenzug übernahmen es die Stockumer, jedes Jahr zu Martini die zwei Mark an den Pfarrer von Werne zu zahlen. Dafür hatte dieser alle acht Tage eine Messe in der Kapelle zu lesen, zum Totengedenken für die Familie von Hövel „und besonders für Hofleute von Stockum und ihre Nachfahren“. Bei einer Visitation wurde 1571 festgestellt, dass diese Kapelle verwüstet war.

Zu Ehren der Freifrau von Boymer

Um 1650 entstand eine neue Kapelle in Stockum, die in den 1930er-Jahren – nach Errichtung der heutigen Kirche St. Sophia – abgerissen wurde. Julius Schwieters muss sie noch gekannt haben: „Das Tonnengewölbe ist durch Wellhölzer hergestellt und mit Mörtel verputzt. Der Chor ist dreiseitig geschlossen, von drei Fenstern durchbrochen“, schreibt er in seinen Nachrichten über den östlichen Teil des Kreises Lüdinghausen. Zur Finanzierung dieser Kapelle aus dem 17. Jahrhundert soll die Freifrau Anna Sophia Elisabeth von Boymer vor ihrem Tod 1726 eine Stiftung gegründet haben. Die Familie der Freiherren war im 17. Jahrhundert von der Herforder Äbtissin mit Amt und Gericht Stockum belehnt worden.

Das bis heute bestehende Patrozinium der Stockumer Pfarrkirche, St. Sophia, soll zu Ehren der großzügigen Freifrau gewählt worden sein. Die heilige Sophia von Mailand war eine christliche Witwe, die nach dem Tod ihres wohlhabenden Mannes ihren Besitz an die Armen verteilte. Mit ihren drei Töchtern zog sie dann nach Rom, um dort das Martyrium zu erleiden. Die vier Frauen wurden unter Kaiser Hadrian angeklagt, die Töchter nach vielen Martern hingerichtet und von ihrer Mutter Sophia bestattet. Drei Tage später wurde sie enthauptet.

Eigenständige Kirchengemeinde

1899 kam der Bergbau nach Werne. Nur drei Jahre später erhielt Stockum eine neue Verkehrsanbindung: Die Betreiber der Zeche ließen eine Eisenbahn zwischen Werne und Bockum-Hövel (Ermelinghoff) bauen, um die Kohle zur Georgs-Marien-Hütte bei Osnabrück und zu Kraftwerken transportieren zu können. Gut ein Jahrzehnt später wurde der Stockumer Bahnhof zum Umschlagplatz von Gütern und Ersatzteilen für eine neues Elektrizitätswerk – das Gersteinwerk, das dem ländlichen Dorf Stockum den wirtschaftlichen Aufschwung brachte.

Parallel zur ansteigenden Bevölkerung baute der erste Stockumer Rektor, Kaplan Leuvering aus Albersloh, das Dorf ab 1913 zur eigenständigen Kirchengemeinde aus. Er setzte sich erfolgreich dafür ein, dass die Erstkommunion und die „Osterpflicht“, also das Sündenbekenntnis vor der österlichen Kommunion, in Stockum stattfinden konnten. Selbstständige Rektoratsgemeinde wurde Stockum 1916. In diesem Jahr wurde auch erstmals die Firmung in Stockum gespendet. 1918 weihte Leuvering den Stockumer Friedhof ein.

Die Kirche St. Sophia entsteht

Rektor Leuverings Nachfolger Rektor Joseph Rentmeister ließ in den 1920er-Jahren die Pfarrkirche St. Sophia im Stil der Neoromanik bauen. Charakteristisch für diesen Stil sind die runden Bögen, die auf kurzen Säulen lasten, sowie die halbrund abschließenden Fenster im oberen Teil des Kirchenschiffs. Ein Teil der Verglasung stammt von Heinrich Gerhard Bücker, einem bedeutenden sakralen Bildhauer und Grafiker der Nachkriegszeit. Seine Handschrift tragen auch die Fenster in der Kapelle des St. Christophorus-Krankenhauses. In die moderne Verglasung der Seitenschiff-Fenster von St. Sophia arbeitete Bücker mehrere Fensterbilder von Heiligenfiguren aus den 1920er-Jahren ein.

1955 wurde die Rektoratsgemeinde Stockum selbstständige Pfarrei. 1956 kam die Horster Bauerschaft zur Gemeinde St. Sophia und die Horster Marienkapelle wurde deren Filialkirche. 1975 wurde die Pfarrkirche St. Sophia erweitert. Dies geschah „auf eine sehr rigorose Art und Weise“, wie der Architekt Richard Schulte aus Münster 1990 kritisch anmerkte, als er seine Gedanken zur Renovierung darlegte. So hatte man 1975 die liturgische Ausrichtung der Kirche umgekehrt und den neo-romanischen Rundbögen die strengen Geraden eines modernen Anbaus gegenübergestellt. Schulte versuchte 1990, die Gegensätze unter anderem durch eine einheitliche Farbgebung zu versöhnen.

Am 11. Juni 2006 fusionierte die Gemeinde St. Sophia mit den Werner Pfarrgemeinden St. Konrad und St. Johannes zur neuen Gemeinde Seliger Nikolaus Groß.

Eine Orgel mit Registerscherz

1927 wurde eine kleine Orgel aus der alten Stockumer Kapelle in der neuen Pfarrkirche St. Sophia aufgestellt. Das Instrument stieß in dem größeren Kirchenraum jedoch schnell an seine Grenzen. Als im Juni 1934 die Kirchenchöre aus dem Dekanat Werne das Cäcilienfest in St. Sophia feierten, wurde bemängelt, dass die Orgel „leider nicht die richtige, stimmungsvolle Einführung bringen“ konnte. Die Gemeinde schaffte es, im Jahr 1935 eine neue Orgel anschaffen zu lassen, konnte sich allerdings in Zeiten wirtschaftlicher Rezession nur ein Instrument von minderer Qualität leisten. Schon 1950 beklagte Rektor Bensch, dass die Orgel „nicht nur sehr verstimmt ist, sondern es auch oft einfach nicht mehr tut“. Ein Sachverständiger stellte in den 1970er-Jahren fest, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnen würde.

Wie der verstorbene Vorsitzende des Heimatvereins Stockum, Wolfgang Lünig, berichtete, legte die Gemeinde Stockum bereits 1973 den Grundstock für eine neue Orgel, „als sie bei einem Grundstückstausch mit der Kirchengemeinde eine Summe von 18000 DM zweckgebunden festlegte“. 1989 erteilte der Kirchenvorstand, nach einer umfangreichen Ausschreibung, der Orgelbaufirma Stockmann in Werl den Auftrag. Die neue Orgel gab außerdem den Anstoß zu einer umfassenden Kirchenrenovierung. Am ersten Adventssonntag 1990 konnte die neue Orgel eingeweiht werden. Sie besitzt 25 Regiester mit 1666 Pfeifen, verteilt auf zwei Manuale und Pedal.

Das Instrument verfügt über eine lustige Dreingabe, die Pfarrdechant Jürgen Schäfer gerne vorführt: Bedient man am Spieltisch die Wippe „Register-Zug“ erscheint im Hauptwerksturm eine pfeifende Miniatur-Lokomotive. Dieser kleine Gag erinnert an die ehemalige Zechen-Kleinbahn, die an Stockum vorbei von Werne nach Bockum-Hövel (Ermelinghoff) führte. Der Pengel-Anton tat auf den Schienen bis 1985 seinen Dienst.

 

Text: Dr. Anke Barbara Schwarze

 

Literatur: Julius Schwieters, Geschichtliche Nachrichten über den östlichen Theil des Kreises Lüdinghausen, Münster 1886; Festschrift „Die neue Orgel in der Pfarrkirche St. Sophia, Stockum“; Stadtarchiv Werne, Bestand D.001–Haus Stockum, Urkunden (1360–1832): Urkunde vom 25. März 1380; zur Schenkung Ludwigs des Deutschen: dMGH DD LD, 93.